IST DAS PFERD DUMM?

Wenn man durch einen Stall geht, in dem viel los ist, hört man nicht selten "dummes Pferd". Aber ist es das Pferd, das dumm ist? Und was bedeutet "dumm"? Ist es, wenn das Pferd nicht das tut, was der Reiter vom Pferd erwartet? Verhält sich das Pferd immer falsch?

Es kann viele Ursachen geben, weshalb Pferde nicht das tun, was der Reiter erwartet: Schmerzen, nicht dem Pferd angepasste Ausrüstung, Nervosität beim Reiter oder einfach die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter, die nicht funktioniert.

Schmerzen
Pferde ertragen oft viele Schmerzen und zeigen nur mit kleinen Zeichen, dass sie das vom Reiter geforderte nicht ausführen können.

Viele Reiter beachten diese Signale nicht, bevor das Pferd so viele Schmerzen hat, dass es sie heftig zeigt. Das Problem ist einerseits, dass die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter mißlingt, andererseits haben viele von uns gelernt, dass Pferde Schläge bekommen sollen, wenn sie nicht gehorchen.

Es ist aber so, dass das Pferd nicht denken kann, "heute ist es die Helferin, die mich reiten wird, also mache ich kein Schulterherein um den linken Schenkel, nur um den rechten" oder "wenn ich unter dem Reiter lahme, reitet sie heute vielleicht nicht".

Wenn das Pferd einen Aufgabenteil nur zu einer und nicht zur anderen Seite ausführen will, ist es wegen irgendeiner Irritation. Es kann z.B. an Schmerzen im Rücken, im Maul oder an den Beinen beruhen, oder daran, dass der Reiter schief sitzt und dadurch die Übung auf der einen Hand und nicht auf der anderen erschwert.

Wenn ein Pferd unter dem Reiter lahmt, betrachten dies viele Reiter als etwas, das sich das Pferd ausdenkt. Wenn ein Pferd unter dem Reiter lahmt, bedeutet es, dass es etwas beim Reiten gibt, was das Pferd stört. Es kann die Ausrüstung, die Belastung oder der Reiter sein.

Kommunikation
Pferde kommunizieren primär durch Körpersprache. Pferde haben eine Menge von verschiedenen Zeichen, die sie zum "Reden" verwenden. In einer großen Pferdeherde kommt es selten zu Kämpfen, weil jedes Pferd seinen Platz in der Hierarchie (Rangordnung?) hat und weil nur kleine Signale benötigt werden, um "eine Nachricht zu geben".

Menschen verwenden auch viel Körpersprache, obwohl oft unbewußt. Pferde lesen unsere Körpersprache, aber wenn wir sie nicht bewußt verwenden, geben wir eine Menge Signale, die wir nicht merken. Dies kann die Pferde verwirren und zu unerwarteten Reaktionen führen, wonauf wir dann auf die Pferde schimpfen.

Je verwirrter das Pferd wird, je falscher benimmt es sich unserer Meinung nach, und je mehr schimpfen wir auf das Tier. Es entspricht der Situation, wo jemand sagt, man solle rechts gehen, aber er zeigt mit dem Finger nach links. Was tut man?

Oft sind wir zu schlecht, die kleinen Signale vom Pferd zu lesen, was dazu führen kann, dass das Pferd "rufen" muss (d.h. beißen, ausschlagen oder den Reiter abwerfen), um gehört zu werden. Viele Menschen sind auch der Auffassung, dass Pferde alle "Nachrichten" in größerer Menge oder mit größerer Kraft haben sollen, weil sie so viel größer sind als wir. Dies ist nicht korrekt.

Pferde sind sehr sensibel und fassen auch das kleinste Streicheln auf, wenn sie die kleinen Signale gewöhnt sind. Ist das Pferd dagegen große, gewaltige Armbewegungen und lautes Rufen gewöhnt, wird es entweder sehr nervös oder es ist gegen die Signale "taub" und reagiert überhaupt nicht.

Reaktionszeit
Wenn der Reiter denkt, dass das Pferd etwas machen oder eine Übung ausführen soll, und erwartet, dass das Pferd ein Gedankenleser sein soll, mißlingt die Kommunikation. Es ist wichtig zu erinnern, dass es eine gewisse Zeit von der Bildung eines Gedankens beim Reiter bis zur Reaktion beim Pferd dauert. Erst wird der Gedanke im Kopf des Reiters gebildet, danach muss es in ein Signal für das Pferd umgewandelt werden, welches das Signal auffassen soll und erst danach darauf reagiert. Dies dauert eine gewisse Zeit.

Ein Beispiel wäre in der Dressur, wo das Pferd vor jeder Übung vorbereitet werden muss, so dass sie genau bei dem Buchstaben ausgeführt werden kann. Es nützt nichts, dass man plötzlich einen Meter vor "A" denkt, "ich werde eine Volte bei A machen", denn so ist es für das Pferd unmöglich zu drehen und sich richtig zu stellen und zu beugen.

Wenn der Reiter ungeduldig ist und dem Pferd keine Zeit gibt, auf die Signale zu reagieren, dagegen aber die Signale kurz nacheinander wiederholt, wird das Pferd verwirrt und später weniger sensibel gegenüber den Hilfen.

Das Herdentier
Pferde sind Herdentiere, die einen Führer brauchen, auf den sie sich verlassen können. Der Reiter sollte deshalb der Führer für das Pferd sein, bei dem sich das Pferd sicher fühlen kann. Es ist wichtig, dass der Reiter das Pferd bestimmt behandelt und Grenzen setzt. (Es ist nicht notwendig, Gewalt einzusetzen; das Pferd kann dadurch zurechtgewiesen werden, dass man den Tonfall ändert und die Stimme ein wenig hebt. Erinnere, dass der Gehörsinn eines Pferdes besser als der bei Menschen ist, also nicht schreien).

Es ist auch wichtig, dass der Reiter keine Angst vor dem Pferd hat oder nervös ist, denn dies spürt das Pferd sofort. Es ist für das Pferd natürlich, als Führer der Herde zu reagieren, und deshalb bekommt es auch Angst und reagiert instinktiv, was oft unzweckmäßig ist. Es ist nicht unnormal, Angst vor Pferden zu haben. Kinder können Angst haben, weil die Pferde so groß und stark sind und unübersichtlich sein können; viele Erwachsene können Angst haben, weil sie im übrigen Teil ihres Lebens Verantwortung haben und deshalb ungern verletzt werden möchten.

Ist man ein wenig nervös gegenüber seinem Pferd, ist es wichtig zu lernen, mit der Angst fertig zu werden, so dass sie das Pferd nicht beeinflusst. Etwas so einfaches wie das Atmen kann sehr hilfreich sein. Der Atem wird von ruhig und tief bei einem ruhigen Individuum in schnell und oberflächlich bei einem nervösen Individuum geändert. Es ist deshalb möglich, durch Konzentration auf das Atmen (tiefes und ruhiges Atmen), sowohl sich selbst unter Kontrolle zu bekommen als auch dem Pferd zu signalisieren, dass es ruhig sein kann. Durch Betrachtung des Atmens des Pferdes kann auch schnell gespürt werden, ob das Pferd angespannt ist oder Angst hat. Dies kann nur durch einen Blick auf den Sattel geschehen.

Nächstes Mal, wenn dein Pferd "dumm" ist, mache halt und denke daran, ob es Schmerzen haben kann, ob es verstanden hat, was von ihm verlangt wird, ob ihm ein deutliches Signal gegeben worden ist, ob es überhaupt gelernt hat, was von ihm verlangt wird, ob der Reiter nervös ist oder ob auf die Signale des Pferdes genug Aufmerksamkeit gegeben worden ist.

Mehr über diese Themen können im Buch "Verstehe dein Islandpferd", das von der Unterzeichneten geschrieben ist, gelesen werden.

Pass auf dein Pferd auf, dann passt es auf dich auf.

Mit freundlichen Grüßen
Rikke Schultz
Tierärztin